Es war einmal...

Es waren einmal…zwei Zeitzeugen aus Stein

Viele Märchen beginnen mit „Es war einmal“ und wenn man Kindern etwas erzählt oder vorliest, dann kann man mit diesen drei Worten meist der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein. Aber leider beginnen auch weniger schöne Erinnerungen oft mit „Es war einmal“. So wie die Erinnerung an den „Johannesknecht“ und die „Dicke Train“.

Beide Gestalten stehen – zum Teil schon angenagt - oberhalb der Ahl, nur wenige Meter vom Ortsrand der idyllischen Ortsgemeinde St. Johann entfernt, die in der Verbandsgemeinde Vordereifel gelegen ist. Hier vermischen sich die räumlichen Zuständigkeiten der Stadt Mayen und der Ortsgemeinde, so dass viele Wanderer und auch Bürger glaubten, die beiden Steinsäulen würden zu St. Johann gehören. Aber inzwischen ist durch Presse und Fernsehen klar geworden, dass die beiden eben doch zur Stadt Mayen gehören und daher auch von den dortigen Stadtvätern das Schicksal der Sagengestalten mitbestimmt wurde.

Eine der ersten Sagen aus meiner neuen Heimat St. Johann, in der ich Anfang der 70er Jahre eine freundliche Aufnahme fand, war die vom „Johannesknecht“ und der „Dicken Train“. Es gibt einige Fassungen, aber eine der schönsten hat mir Heinrich Ackermann, Ur-St. Johanner und langjähriger Bürgermeister der Verbandsgemeinde (damals noch Mayen Land) Vordereifel erzählt. Hier seine Darstellung:

„Wer die Kreisstraße von Mayen nach. St. Johann benutzt, dem fallen kurz hinter dem Distrikt „Räst", da, wo die .Straße schon die Höhe erreicht hat, zwei im Abstand von hundert Meter stehende und halb von Bäumen und Sträuchern verdeckte Felsen im Anfang der „Ahl" auf. Der größere der beiden Felsen wird "Johannesknecht" und der andere, hart an dem vordringenden Steinbruch gelegene, nicht so große, dafür umso breitere Felsen wird „Dicke Train" genannt.

Früher versammelten sich hier an jedem ersten Montag im Monat die Steinarbeiter zum „Blauen Montag". Mit viel Hallo wurde ein Fass Bier angeschlagen, wozu eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich war. Zu dem Bier gab es etwas „Fettiges" oder Käse mit Brötchen. Speise und Trank holten die Lehrlinge herbei, die dafür „frei gingen", das heißt, nichts zu bezahlen brauchten. Oft bedurfte es noch zusätzlich einiger Kästen Flaschenbier, ehe der Durst gestillt war. Wenn es dunkelte, dann hob ringsum ein Feuer das große Erzählen an, bei dem manche Begebenheiten, Jugendstreiche und Kriegserlebnisse zum Besten gegeben wurden. Gelegentlich berichtete einer der Steinarbeiter auch die Sage von den beiden Felsen:

Vor vielen hundert Jahren arbeitete auf einer Mühle im Nettetal ein Knecht Johannes und bei einem St. Johanner Bauern eine Magd Katharina (Train). Die beiden hatten sich von Herzen gern, doch war bei ihrem kargen Lohn und den wenigen Ersparnissen noch lange nicht an eine Heirat zu denken. Oft trafen sie sich zwischen St. Johann und Mayen, eben dort, wo jetzt die beiden Felsen stehen, und überlegten, wie sie zu Geld kommen könnten. Eines Tages glaubte Johannes eine Möglichkeit gefunden zu haben. In einer dunklen Nacht begab er sich in die Kirche nach St. Johann, brach das Tabernakel auf, stahl die heiligen Geräte und eilte mit ihnen zu dem Treffpunkt, wo Katharina auf ihn wartete, um zu besprechen, wie der Raub verkauft werden könnte. Doch schon rächte sich die böse Tat. Plötzlich fuhr unter lautem Donner, der die Bevölkerung weithin erschreckte, ein mächtiger Blitz vom Himmel nieder und traf die beiden Übeltäter, die sofort zu Stein wurden. So stehen die Felsen heute noch da zur Warnung für jeden, der glaubt, Hand an das legen zu können, was für den Dienst des höchsten Herrn bestimmt ist.

Das war so eine richtige Geschichte für die Steinarbeiter, um sie zum Aufbruch zu ermahnen, denn am nächsten Tag wartete wieder schwere Arbeit auf sie.

Dem Fremden aber, der sich einmal auf den „Johannesknecht" verläuft, bietet sich von hier ein herrlicher Ausblick in das schöne Nettetal mit seinen steilen Abhängen und dem sich in zahlreichen Kurven windenden Nettebach und auf Mayen mit seinen Türmen und Mauern, während sich im Hintergrund das fruchtbare Maifeld ausbreitet. So lohnt es sich für jeden, hier einmal seinen Spaziergang hinzurichten.“
Nun, diesen von Heinrich Ackermann empfohlenen Sparziergang habe ich dann bald nach dem ersten Treffen angetreten und habe auch einen leicht verwachsenen und durch einige Bäume begleiteten Weg gefunden. Schon bald stand ich an dem mit einer Aussichtsplattform und Geländer angebotenen Johannesknecht, seine „Partnerin“ war in Sichtweite.
Eine Stufen höher erschloss sich mir ein wunderschöner Blick auf den Mayener Stadtwald, das Nettetal mit Sportplatz und Viadukt und über die ganz Stadt Mayen. Es war klares Wetter und so konnte ich den Hunsrück sehen und weit in unsere schöne Heimat hineinblicken.

In Gesprächen konnte ich immer wieder feststellen, dass dieser tolle Blick und die schöne Sage viele Eltern und Großeltern dazu bewegt haben, mit ihren Kindern und Enkeln zu den beiden Steinen zu wandern. Nicht nur St. Johanner, auch Ettringer und Mayener konnte man dort treffen und auch der Eifelverein machte hin und wieder die beiden Basaltfelsen zu Zielen seiner Wanderung.

Das alles ist bald Geschichte, ist vorbei und wird nie mehr wiederkommen.

Lange Zeit waren der „Johannesknecht“ und die „Dicken Train“ durch eine Verordnung geschützt und lange Jahre waren sich die Stadtväter in Mayen ebenso wie die Bürgervertreter in St. Johann einig, dass jeglicher Zugriff auf die Zeitzeugen verhindert werden muss.

Erst als auch der letzte Krümel Basalt rund um St. Johann aus der Erde gekratzt war, fanden die Vorstellung der Industrie Gehör und die Verordnung wurde mit Zustimmung durch den Mayener Stadtrat aufgehoben. Proteste, Ausstellungen und Hinweise in Presse und im Landesfernsehen hatten keinen Erfolg, die Erinnerungen und die Einmaligkeit dieser beiden Kegel zählten zu wenig gegenüber den wirtschaftlichen Interessen.

Im gesamten Landkreis Mayen-Koblenz gibt es den wunderbaren Vulkanpark. An verschiedenen exponierten Stellen können Gäste aus ganz Europa sich ein Bild von der vulkanischen Geschichte machen. Ob im Info-Zentrum in Saffig, dem Römerbergwerk Meurin, am Wingertsberg in Kruft, im Lavadom in Mendig oder im Vulkanparkzentrum in Mayen, überall werden Präsentationen zum Vulkanismus angeboten.

Es gibt keine andere Stelle im Vulkangebiet der Osteifel, an der solche Spratzkegel sichtbar sind, so der weltbekannte Geologe Prof. Dr. Wilhelm Meyer in seinem Gutachten zu den Naturdenkmälern Johannesknecht und Dicke Train. Aber in Mayen werden solche einmaligen Exemplare einfach weggesprengt.
Hier hätte sich der Besucher in freier Natur und bei toller Aussicht vom Wirken der Vulkane rund um Mayen und St. Johann ein Bild machen können. Mit ganz wenig Mittel wären die Zuwege zu verbessern und ein sichernder Zaun zu errichten gewesen. Wäre…aber leider ist es zu spät. Der Verfasser ist nicht der Einzige, der hier voller Unverständnis den Kopf schüttelt.

Immer noch fallen einmalige Bereiche unserer Heimat gefräßigem Abbau und unverständlichem Modernisierungswahn zum Opfer. Immer wieder nehmen wir unseren Kindern und Enkeln die Möglichkeit, selbst und mit eigenen Augen und Händen die Schönheiten unserer Heimat zu erleben und zu begreifen. Dabei wären mit etwas gegenseitigem Verständnis und Rücksicht Interessen der Wirtschaft und der Wunsch nach einer intakten Heimat unter einen Hut zu bringen.

Aber beim „Johannesknecht“ und der „Dicken Train“ kommen wir zu spät. Und das ist mehr als traurig.

Leo E. Kröll
56727 St. Johann
Barbarastraße 52



Fotos: Luna Metzroth, 56727 Mayen-Kürrenberg.


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken